Vitamin D und Demenz – welche Rolle spielt das Sonnenhormon für unser Gehirn?

Demenz gehört zu den Erkrankungen, vor denen sich viele Menschen im Alter besonders fürchten. Die Vorstellung, Erinnerungen zu verlieren, vertraute Menschen irgendwann nicht mehr zu erkennen und zunehmend die Selbstständigkeit einzubüßen, ist beängstigend. Gleichzeitig steigt mit unserer höheren Lebenserwartung auch die Zahl der Menschen, die von Demenz betroffen sind.

Eine Heilung gibt es bislang nicht. Umso wichtiger ist die Frage:
Was können wir tun, um unser Gehirn möglichst lange gesund und leistungsfähig zu erhalten?

Neben Bewegung, Ernährung, einem gesunden Stoffwechsel und geistiger Aktivität rückt dabei auch ein alter Bekannter immer stärker in den Fokus: Vitamin D.

Meist denken wir bei Vitamin D zunächst an Knochen, Calcium und Osteoporose.
Doch Vitamin D wird auch im Gehirn gebraucht. Dort finden sich Vitamin-D-Rezeptoren, und das Sonnenhormon ist an verschiedenen Vorgängen beteiligt, die für unsere Nervenzellen und deren Funktion wichtig sind.


Inhaltsverzeichnis


Was hat Vitamin D mit Demenz zu tun?

Besonders spannend wird es, wenn man sich anschaut, was Forscher seit Jahren beobachten:

Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln haben häufiger Gedächtnisprobleme und andere kognitive Einschränkungen. Sie erkranken außerdem häufiger an Demenz oder Alzheimer als Menschen mit höheren Vitamin-D-Spiegeln.

Eine große Auswertung von 23 Langzeitstudien bestätigte diesen Zusammenhang noch einmal sehr deutlich. Bei Menschen mit Vitamin-D-Mangel war das Demenzrisiko um 42 Prozent erhöht, das Alzheimer-Risiko sogar um 57 Prozent. [1]

Doch bedeutet das automatisch, dass Vitamin D vor Demenz schützt?

So einfach ist es leider nicht, auch wenn diese Vermutung mehr als naheliegend ist.

Denn wenn Wissenschaftler Menschen gezielt Vitamin D geben und anschließend untersuchen, ob sich dadurch Demenz verhindern lässt oder die geistige Leistungsfähigkeit verbessert, sind die Ergebnisse nicht immer eindeutig. Eine große Auswertung randomisierter Studien fand beispielsweise zwar einen kleinen positiven Effekt auf die geistige Leistungsfähigkeit – deutlich stärker war dieser aber bei Menschen, die zu Beginn tatsächlich einen Vitamin-D-Mangel hatten. [4]

Und genau da beginnt es interessant zu werden.

Denn bei Vitamin-D-Studien lohnt es sich, genauer hinzuschauen:

  • Hatten die Teilnehmer überhaupt einen Vitamin-D-Mangel?
  • Wie viel Vitamin D bekamen sie?
  • Welchen Vitamin-D-Spiegel erreichten sie damit?
  • Und wurde Vitamin D über Jahre zur Vorbeugung eingesetzt – oder erst dann, als bereits Gedächtnisprobleme vorhanden waren?

❗Diese Unterschiede können entscheidend dafür sein, was eine Studie überhaupt zeigen kann.

In diesem Beitrag schauen wir deshalb nicht nur darauf, ob Vitamin D untersucht wurde. Wir schauen auch darauf, wer es bekam, wie viel gegeben wurde, welche Blutwerte erreicht wurden – und was die Ergebnisse tatsächlich aussagen.

Denn hinter den auf den ersten Blick widersprüchlichen Studien steckt eine ziemlich spannende Geschichte.


Vitamin D im Gehirn – viel mehr als ein Knochenvitamin

Vitamin D wird häufig noch immer hauptsächlich mit gesunden Knochen in Verbindung gebracht. Doch das ist nur ein kleiner Teil seiner Aufgaben.

Auch unser Gehirn kann auf Vitamin D reagieren.

In verschiedenen Bereichen des Gehirns wurden sogenannte Vitamin-D-Rezeptoren (VDR) gefunden. Man kann sie sich vereinfacht wie Andockstellen vorstellen: Bindet die aktive Form von Vitamin D an einen solchen Rezeptor, können dadurch verschiedene Vorgänge in der Zelle beeinflusst werden.

Besonders interessant: Solche Rezeptoren finden sich auch in Hirnregionen, die für Gedächtnis, Lernen und andere geistige Fähigkeiten wichtig sind. Außerdem wurden im Gehirn Enzyme nachgewiesen, die Vitamin D in seine aktive Form umwandeln können. [10, 13]

Das spricht dafür, dass Vitamin D im Gehirn keineswegs nur zufällig vorhanden ist. Es hat dort ganz eigene, wichtige Aufgaben zu erfüllen.


Wie Vitamin D Nervenzellen beeinflussen könnte

Aus Labor- und Tierstudien wissen wir inzwischen einiges darüber, welche Vorgänge Vitamin D im Gehirn beeinflusst.

So spielt es unter anderem eine Rolle bei der Regulation von Entzündungsprozessen und beim Schutz vor oxidativem Stress. Vereinfacht gesagt geht es dabei um Prozesse, die Nervenzellen auf Dauer schädigen können, wenn sie aus dem Gleichgewicht geraten. [12, 13]

Vitamin D beeinflusst außerdem den Calciumhaushalt der Nervenzellen und wahrscheinlich auch die Funktion ihrer Mitochondrien – also jener kleinen „Kraftwerke“, die unsere Zellen mit Energie versorgen. [12, 13]

Und noch etwas ist interessant: Vitamin D kann sogenannte neurotrophe Faktoren beeinflussen. Dazu gehören beispielsweise NGF und GDNF. Hinter diesen komplizierten Namen verbergen sich Botenstoffe, die Nervenzellen unter anderem dabei helfen, zu wachsen, zu überleben und sich an Veränderungen anzupassen. [11]

Auch bei der Kommunikation zwischen Nervenzellen scheint Vitamin D eine Rolle zu spielen. Untersuchungen zeigen, dass Vitamin-D-Signalwege verschiedene Botenstoffsysteme im Gehirn beeinflussen können. [11]

Besonders spannend: Amyloid und Tau

Bei Alzheimer spielen zwei Eiweißstoffe eine wichtige Rolle: Amyloid-β und Tau.

Amyloid-β kann sich zwischen den Nervenzellen ablagern und die bekannten sogenannten Plaques bilden. Tau befindet sich normalerweise innerhalb der Nervenzellen. Bei Alzheimer verändert es sich jedoch und kann dort ebenfalls typische Ablagerungen bilden.

Und hier wird Vitamin D besonders interessant.

In Labor- und Tierexperimenten gibt es Hinweise darauf, dass Vitamin D Prozesse beeinflussen könnte, die beim Abbau und bei der Beseitigung von Amyloid-β eine Rolle spielen. Auch bei Vorgängen rund um die krankhafte Veränderung des Tau-Proteins scheint Vitamin D beteiligt zu sein. [12]

Das klingt vielversprechend. Trotzdem müssen wir an dieser Stelle unterscheiden:

Was im Labor funktioniert, muss beim Menschen nicht automatisch genauso funktionieren.

Diese Untersuchungen beweisen deshalb noch nicht, dass Vitamin D Alzheimer verhindern oder behandeln kann. Sie zeigen aber etwas anderes sehr deutlich:

Die Wirkung von Vitamin D im Gehirn

Es gibt gute biologische Gründe dafür, Vitamin D und die Gesundheit unseres Gehirns genauer zu untersuchen.

Und genau das haben Wissenschaftler schon in zahlreichen Studien getan.

Die nächste Frage lautet deshalb:

Was passiert langfristig mit Menschen, deren Vitamin-D-Spiegel besonders niedrig ist?


Vitamin-D-Mangel und Demenz: Was zeigen große Langzeitstudien?

Wir wissen nun, dass Vitamin D im Gehirn verschiedene Aufgaben erfüllt. Aber lässt sich auch beobachten, dass Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln häufiger an Demenz erkranken?

Tatsächlich zeigen viele Studien genau diesen Zusammenhang.

Besonders interessant ist eine große Auswertung aus dem Jahr 2024. Die Wissenschaftler fassten 23 Studien zusammen, in denen Menschen über längere Zeit begleitet wurden. [1]

Das Ergebnis war deutlich:

Menschen mit Vitamin-D-Mangel hatten im Vergleich zu besser versorgten Menschen ein

  • 42 % höheres Risiko für Demenz,
  • 57 % höheres Risiko für Alzheimer und
  • 34 % höheres Risiko für kognitive Beeinträchtigungen.

Das sind beachtliche Unterschiede.

Die Forscher untersuchten außerdem, ob die Höhe des Vitamin-D-Spiegels eine Rolle spielte. Dabei zeigte sich: Das Demenzrisiko war in den ausgewerteten Daten ungefähr bei einem 25(OH)D-Spiegel zwischen 31 und 40 ng/ml am niedrigsten. [1]

Das bedeutet allerdings nicht, dass damit der optimale Vitamin-D-Spiegel zur Demenzprävention gefunden wäre.
Die Analyse kann nur die Bereiche beurteilen, für die ausreichend Daten vorhanden waren – und das waren eben leider nicht die wirklich empfohlenen Vitamin-D-Spiegel von mindestens 70 ng/ml. Sie belegt insbesondere nicht, dass höhere Werte keinen zusätzlichen Nutzen haben – dafür wären gezielte Untersuchungen mit entsprechend höheren erreichten Blutspiegeln notwendig.

Ob beispielsweise 50, 60, 70 oder 100 ng/ml einen zusätzlichen Vorteil bringen könnten, lässt sich aus diesen Daten deshalb nicht beantworten.

Die Auswirkungen von Vitamin D Mangel auf das Demenz-Risiko

Mehr als 269.000 Menschen über viele Jahre beobachtet

Noch größer war eine Untersuchung mit Daten aus der britischen UK Biobank. Dafür wurden 269.229 Menschen im Alter zwischen 55 und 69 Jahren betrachtet. Die Forscher untersuchten, wie der Vitamin-D-Spiegel mit dem Auftreten von Demenz während eines Zeitraums von bis zu 14 Jahren zusammenhing. [2]

Für die Auswertung wurden die Teilnehmer nach ihrem Vitamin-D-Spiegel eingeteilt:

Vitamin-D-Mangel: unter 12 ng/ml
unzureichende Versorgung: 12 bis unter 20 ng/ml
ausreichende Versorgung: ab 20 ng/ml

Dabei zeigte sich erneut ein deutlicher Unterschied.

Menschen mit einem ausgeprägten Vitamin-D-Mangel unter 12 ng/ml hatten gegenüber ausreichend versorgten Teilnehmern ein

25 % höheres Risiko für Demenz,
19 % höheres Risiko für Alzheimer und
24 % höheres Risiko für eine gefäßbedingte Demenz.
[2]

Selbst bei Vitamin-D-Spiegeln zwischen 12 und 20 ng/ml war das Risiko noch erhöht.

Und noch etwas fiel auf:

Teilnehmer, die regelmäßig Vitamin-D-Präparate verwendeten, hatten ein 17 % niedrigeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken. [2]

Das klingt zunächst so, als wäre die Sache damit eigentlich klar.

Aber genau an dieser Stelle müssen wir einen wichtigen Unterschied verstehen.

Ein Zusammenhang ist noch kein Beweis

Wenn Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln häufiger an Demenz erkranken, bedeutet das noch nicht automatisch, dass der Vitamin-D-Mangel die Ursache dafür war.

Es könnte beispielsweise auch umgekehrt sein.

Menschen, deren Gesundheit oder geistige Leistungsfähigkeit bereits nachlässt, bewegen sich vielleicht weniger im Freien. Sie bekommen weniger Sonne – und dadurch kann auch ihr Vitamin-D-Spiegel sinken.

Hinzu kommen weitere mögliche Einflüsse: Bewegung, Ernährung, Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und viele andere Faktoren können sowohl den Vitamin-D-Spiegel als auch das Demenzrisiko beeinflussen.

Deshalb können solche Langzeitbeobachtungen einen Zusammenhang zeigen, aber noch nicht beweisen, dass Vitamin D selbst vor Demenz schützt.

Trotzdem sollten wir die Ergebnisse nicht einfach beiseiteschieben.

Denn der Zusammenhang zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und einem höheren Demenzrisiko taucht nicht nur in einer einzelnen kleinen Untersuchung auf. Er zeigt sich in sehr großen Bevölkerungsstudien und auch dann, wenn die Ergebnisse vieler Studien gemeinsam ausgewertet werden.

Und damit kommen wir zur eigentlich spannenden Frage:

Was passiert, wenn man Menschen nicht nur beobachtet, sondern ihnen tatsächlich Vitamin D gibt?


Was passiert, wenn Vitamin D tatsächlich gegeben wird?

Was passiert, wenn Vitamin D tatsächlich gegeben wird?

Bisher haben wir gesehen: Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln erkranken häufiger an Demenz.

Doch damit ist noch nicht geklärt, ob Vitamin D selbst einen Unterschied macht.

Um das herauszufinden, braucht man andere Studien. Dabei werden die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip in Gruppen aufgeteilt: Eine Gruppe bekommt Vitamin D, die andere beispielsweise ein Placebo. Anschließend wird verglichen, wie sich beide Gruppen entwickeln.

Solche Studien gelten als besonders aussagekräftig, weil sich damit Ursache und Wirkung wesentlich besser untersuchen lassen.

Und was zeigen sie bei Vitamin D?

Auf den ersten Blick ein ziemlich gemischtes Bild.

Eine große Auswertung aus dem Jahr 2024 fasste 24 solcher Studien mit insgesamt 7.557 Teilnehmern zusammen. Im Durchschnitt waren die Teilnehmer etwa 65 Jahre alt. [4]

Über alle Studien hinweg zeigte sich unter Vitamin D eine kleine, aber messbare Verbesserung der allgemeinen geistigen Leistungsfähigkeit.

Richtig interessant wurde es jedoch, als die Forscher genauer hinschauten.

Wer einen Vitamin-D-Mangel hatte, profitierte stärker

Nicht alle Teilnehmer reagierten gleich.

Am deutlichsten war der positive Effekt bei Menschen, die zu Beginn der Studie tatsächlich einen Vitamin-D-Mangel hatten. [4]

Und das ist ein wichtiger Punkt.

Stellen wir uns vor, wir möchten untersuchen, ob die Beseitigung eines Eisenmangels die Leistungsfähigkeit verbessert. Dann wäre es wenig sinnvoll, überwiegend Menschen in die Studie aufzunehmen, die bereits ausreichend mit Eisen versorgt sind.

Bei Vitamin D passiert aber genau das erstaunlich häufig.

Menschen mit bereits ausreichenden Vitamin-D-Spiegeln bekommen zusätzlich Vitamin D. Anschließend wird untersucht, ob es ihnen besser geht als der Placebogruppe.

Bleibt ein deutlicher Effekt aus, bedeutet das jedoch nicht automatisch, dass die Beseitigung eines Vitamin-D-Mangels wirkungslos wäre.

Und es gibt noch weitere Punkte, die das Ergebnis einer solchen Studie beeinflussen können.

Die Gründe für die unterschiedlichen Ergebnisse von Vitamin D Studien

Was zeigt die aktuelle Forschung?

Auch eine neuere Auswertung aus dem Jahr 2026 liefert interessante Ergebnisse. Dafür wurden neun Studien mit Menschen ab 60 Jahren gemeinsam ausgewertet. [5]

Die Vitamin-D-Einnahme zeigte dabei positive Effekte auf einige Bereiche der geistigen Leistungsfähigkeit.

Verbesserungen fanden die Forscher unter anderem beim:

  • allgemeinen Denkvermögen,
  • Arbeitsgedächtnis,
  • sprachlichen Fähigkeiten und
  • räumlichen Vorstellungsvermögen.

Bei anderen Fähigkeiten – beispielsweise Aufmerksamkeit oder Verarbeitungsgeschwindigkeit – zeigte sich dagegen kein eindeutiger Vorteil. [5]

Vitamin D scheint also nicht einfach sämtliche Bereiche der geistigen Leistungsfähigkeit gleichermaßen zu verbessern.

Aber die Ergebnisse liefern einen weiteren Hinweis darauf, dass Vitamin D bestimmte Gehirnfunktionen beeinflussen könnte.

Schon 800 IE täglich zeigten einen Unterschied

Besonders interessant finde ich eine Studie aus dem Jahr 2020.

Daran nahmen 183 Menschen ab 65 Jahren teil, die bereits erste leichte Einschränkungen ihrer geistigen Leistungsfähigkeit hatten. Mediziner sprechen dabei von Mild Cognitive Impairment, kurz MCI.

Das bedeutet: Die Betroffenen bemerken beispielsweise Gedächtnisprobleme, können ihren Alltag aber noch weitgehend selbstständig bewältigen.

Eine Gruppe bekam zwölf Monate lang täglich 800 IE Vitamin D, die andere ein Placebo. [6]

Nach einem Jahr schnitt die Vitamin-D-Gruppe bei mehreren Tests der geistigen Leistungsfähigkeit besser ab als die Placebogruppe. Gleichzeitig veränderten sich verschiedene Messwerte, die unter anderem mit oxidativem Stress in Verbindung stehen. [6]

Bemerkenswert ist dabei auch die Dosierung:

800 IE Vitamin D täglich sind für einen Erwachsenen eine sehr kleine Menge. (Eher eine Dosierung für Säuglinge.)

Und sogar bei Menschen, die bereits an Alzheimer erkrankt waren, gibt es interessante Ergebnisse.

In einer weiteren Studie erhielten 210 ältere Alzheimer-Patienten ebenfalls zwölf Monate lang täglich 800 IE Vitamin D oder ein Placebo. Auch hier schnitt die Vitamin-D-Gruppe bei verschiedenen Tests besser ab. Zusätzlich fanden die Forscher Veränderungen bei bestimmten Messwerten, die mit dem Amyloid-Stoffwechsel zusammenhängen. [7]

Das klingt vielversprechend.

Aber auch daraus sollten wir nicht mehr machen, als die Studie tatsächlich zeigen kann. Eine einzelne Untersuchung mit 210 Menschen beweist noch nicht, dass Vitamin D Alzheimer behandeln kann.

Sie zeigt aber, dass die Frage nach Vitamin D und unserer geistigen Leistungsfähigkeit durchaus weitere Forschung verdient. Hoffen wir, dass für solche Forschungen Gelder bereitgestellt werden…

Und nun kommen wir zu einer besonders interessanten Studie.

Denn während einige Untersuchungen positive Ergebnisse zeigen, fand eine große finnische Studie keinen eindeutigen Schutz vor Demenz.

Warum das kein Widerspruch sein muss, schauen wir uns als Nächstes genauer an.


Die große finnische Studie: Kein signifikanter Schutz vor Demenz

Nun kommen wir zu einer Studie, die auf den ersten Blick überhaupt nicht zu den bisherigen Ergebnissen passen will.

Im Finnish Vitamin D Trial (FIND) wurden 2.492 ältere Menschen nach dem Zufallsprinzip auf drei Gruppen verteilt. Sie erhielten über mehrere Jahre entweder:

  • ein Placebo,
  • 1.600 IE Vitamin D täglich oder
  • 3.200 IE Vitamin D täglich. [8]

Und das Ergebnis?

Die zusätzliche Einnahme von Vitamin D konnte das Demenzrisiko nicht eindeutig senken.

Während der eigentlichen Studienphase erkrankten 18 Menschen in der Placebogruppe an Demenz. In der Gruppe mit 1.600 IE waren es 14 und in der Gruppe mit 3.200 IE nur 13.

Die Zahlen gingen also durchaus in eine interessante Richtung. Allerdings gab es insgesamt nur sehr wenige Demenzfälle. Die Unterschiede waren deshalb nicht groß genug, um wissenschaftlich sicher ausschließen zu können, dass sie auch durch Zufall entstanden sein könnten.

Auch als die Forscher die Teilnehmer anschließend noch länger beobachteten, ließ sich kein eindeutiger Schutz vor Demenz oder Alzheimer nachweisen. [8]

Damit könnte man die Sache eigentlich abhaken:

Vitamin D schützt offenbar nicht vor Demenz.

Doch so einfach ist es auch diesmal nicht.

Die meisten Teilnehmer hatten gar keinen gravierenden Vitamin-D-Mangel

Und genau hier wird die Studie richtig interessant.

Der durchschnittliche Vitamin-D-Spiegel zu Beginn der FIND-Studie betrug bereits rund 75 nmol/l – also etwa 30 ng/ml – und erreicht damit die Grenze zu einem „ausreichenden“ Vitamin D Spiegel.

Nur etwa 9 % hatten einen Wert unter 20 ng/ml. Die große Mehrheit war also bereits vor Beginn der zusätzlichen Vitamin-D-Einnahme vergleichsweise gut versorgt. [8]

Wir erinnern uns an unser Beispiel mit dem Eisen:

Wenn wir wissen möchten, was die Beseitigung eines Mangels bewirkt, müssten wir eigentlich Menschen untersuchen, die diesen Mangel auch haben.

Genau das war hier überwiegend nicht der Fall.

Die FIND-Studie beantwortet deshalb vor allem eine andere Frage:

Was passiert, wenn bereits relativ gut mit Vitamin D versorgte ältere Menschen zusätzlich Vitamin D einnehmen?

Und darauf lautet die Antwort bislang:

Ein zusätzlicher Schutz vor Demenz ließ sich in dieser Studie nicht sicher nachweisen.

Trotzdem stiegen die Vitamin-D-Spiegel deutlich

Besonders aufschlussreich sind die tatsächlich erreichten Blutwerte.

Zu Beginn lag der durchschnittliche Vitamin-D-Spiegel bei rund 30 ng/ml. Nach einem Jahr lagen die Werte im Mittel bei ungefähr:

Placebo: 29 ng/ml
1.600 IE täglich: 40 ng/ml
3.200 IE täglich: 48 ng/ml. [8]

Die Supplementierung hat also durchaus funktioniert und die Vitamin-D-Spiegel deutlich angehoben. Trotzdem trat in den Vitamin-D-Gruppen nicht eindeutig weniger Demenz auf.

Die Finnische Studie zur Wirkung von Vitamin D zum Schutz vor Demenz

Was können wir daraus wirklich schließen?

Die FIND-Studie ist wichtig, gerade weil ihr Ergebnis nicht einfach in eine Richtung zeigt, die man vielleicht erwartet hätte.

Sie zeigt:

Bei älteren Menschen, die überwiegend keinen Vitamin-D-Mangel hatten, führte eine weitere Anhebung des Vitamin-D-Spiegels auf durchschnittlich etwa 40 beziehungsweise 48 ng/ml nicht zu einem nachweisbaren Schutz vor Demenz.

Das sollten wir nicht kleinreden.

Aber wir sollten aus der Studie auch nicht mehr ableiten, als sie untersucht hat.

Sie beantwortet beispielsweise nicht, was passiert wäre, wenn gezielt Menschen mit ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel behandelt worden wären.

Und sie beantwortet auch nicht die Frage, ob es einen Unterschied macht, wenn ein guter Vitamin-D-Status nicht erst im Alter, sondern bereits über Jahrzehnte hinweg vorhanden ist.

Gerade bei Demenz könnte dieser Punkt entscheidend sein. Denn die Veränderungen im Gehirn beginnen häufig lange bevor die ersten Gedächtnisprobleme auftreten.

Vielleicht ist deshalb nicht nur entscheidend, wie hoch der Vitamin-D-Spiegel ist – sondern auch, wie lange unser Gehirn bereits gut mit Vitamin D versorgt war.

Genau damit kommen wir zu einem Punkt, der in der Diskussion um Vitamin D und Demenz leicht übersehen wird: dem Zeitpunkt.

Die FIND-Studie beantwortet damit eine wichtige Frage – wirft aber gleichzeitig neue auf. Denn noch wissen wir erstaunlich wenig darüber, welche Vitamin-D-Spiegel über viele Jahre hinweg für die Gesundheit unseres Gehirns besonders günstig sein könnten.

Und genau daraus ergibt sich eine weitere spannende Frage:

Welcher Vitamin-D-Spiegel wäre für die Gesundheit unseres Gehirns eigentlich optimal – und wurde dieser Bereich in den bisherigen Studien überhaupt ausreichend untersucht?


Welcher Vitamin-D-Spiegel ist für das Gehirn optimal?

Wenn ein Vitamin-D-Mangel mit einem höheren Demenzrisiko verbunden ist, liegt eine Frage natürlich nahe:

Welcher Vitamin-D-Spiegel wäre für unser Gehirn besonders günstig?

Darauf gibt es bisher keine eindeutige Antwort.

In der bereits erwähnten Auswertung von 23 Langzeitstudien war das Demenzrisiko bei Vitamin-D-Werten zwischen ungefähr 31 und 40 ng/ml am niedrigsten. [1]

Das bedeutet aber nicht automatisch:

40 ng/ml sind optimal – und alles darüber bringt nichts mehr.

Denn Menschen mit deutlich höheren Vitamin-D-Spiegeln waren in diesen Studien viel seltener vertreten. Je weniger Menschen es in einem bestimmten Bereich gibt, desto schwieriger wird es, zuverlässige Aussagen darüber zu treffen.

Eine neuere Auswertung aus dem Jahr 2025 kam sogar zu einem etwas anderen Ergebnis. Sie fasste 22 Studien mit insgesamt 53.122 Teilnehmern zusammen.

Menschen mit den niedrigsten Vitamin-D-Spiegeln hatten dabei ein 49 % höheres Demenzrisiko als Menschen mit den höchsten Werten. Außerdem zeigte sich: Mit steigendem Vitamin-D-Spiegel sank das statistische Demenzrisiko weiter – allerdings nur in relativ kleinen Schritten. [3]

Das zeigt vor allem eines:

Einen wissenschaftlich eindeutig belegten „Optimalwert“ für Vitamin D zur Vorbeugung von Demenz kennen wir bisher leider nicht.

Was uns die finnische Studie dazu verrät

Hier wird die FIND-Studie noch einmal interessant.

Wir erinnern uns: Die Teilnehmer starteten durchschnittlich bei etwa 30 ng/ml. Nach einem Jahr lagen die Werte ungefähr bei:

29 ng/ml in der Placebogruppe,
40 ng/ml bei 1.600 IE Vitamin D täglich und
48 ng/ml bei 3.200 IE täglich. [8]

Damit wurde also tatsächlich untersucht, was passiert, wenn bereits relativ gut versorgte ältere Menschen ihren Vitamin-D-Spiegel noch weiter anheben.

Ein eindeutiger Schutz vor Demenz zeigte sich dadurch nicht.

Das ist wichtig. Denn damit haben wir zumindest einen Hinweis darauf, dass es vermutlich nicht so einfach wie „je höher der Vitamin-D-Spiegel, desto besser“ ist.

Aber auch hier gibt es eine Grenze dessen, was wir aus der Studie ableiten können.

Und was ist mit höheren Vitamin-D-Spiegeln?

Hier stoßen wir auf eine entscheidende Wissenslücke.

Es fehlen große, langfristige Studien, in denen Menschen gezielt über viele Jahre Vitamin-D-Spiegel beispielsweise im Bereich von 50, 60, 70 oder 100 ng/ml halten und anschließend untersucht wird, ob sie seltener an Demenz erkranken.

Deshalb wären zwei Aussagen gleichermaßen voreilig:

„Höhere Vitamin-D-Spiegel schützen zusätzlich vor Demenz.“

Aber auch:

„Oberhalb von 40 oder 50 ng/ml kann Vitamin D keinen weiteren Nutzen für das Gehirn haben.“

Für beides fehlen uns bisher die entsprechenden Daten.

Was sich wesentlich deutlicher sagen lässt:

Sehr niedrige Vitamin-D-Spiegel sind immer wieder mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden.

Ob es darüber hinaus einen besonders günstigen Bereich für die langfristige Gehirngesundheit gibt, muss die Forschung erst noch klären.

Und möglicherweise konzentrieren wir uns mit der Frage nach dem perfekten Blutwert ohnehin zu sehr auf eine einzelne Zahl.

Denn bei einer Erkrankung wie Alzheimer könnte noch etwas anderes eine große Rolle spielen:

Wie lange war unser Gehirn eigentlich gut mit Vitamin D versorgt, bevor die ersten Veränderungen begonnen haben?


Der Zeitpunkt könnte entscheidend sein: Prävention statt Reparatur

Wenn wir über Vitamin D und Demenz sprechen, gibt es noch einen Punkt, der leicht übersehen wird:

Eine Demenz beginnt nicht erst dann, wenn die ersten Gedächtnisprobleme auftreten.

Bei Alzheimer können sich Veränderungen im Gehirn bereits viele Jahre, möglicherweise sogar Jahrzehnte vorher entwickeln. Bestimmte Eiweiße beginnen sich zu verändern und abzulagern, Entzündungsprozesse können zunehmen und Nervenzellen nach und nach ihre Funktion verlieren.

Wenn schließlich deutliche Gedächtnisprobleme auftreten und eine Demenz diagnostiziert wird, hat dieser Prozess häufig schon eine lange Vorgeschichte.

Und genau deshalb sollten wir bei Vitamin D vielleicht nicht nur fragen:

„Kann Vitamin D eine bestehende Demenz behandeln?“

Mindestens ebenso interessant ist die Frage:

„Welche Rolle spielt eine gute Vitamin-D-Versorgung in den vielen Jahren, bevor eine Demenz überhaupt entsteht?“

Denn Prävention und Behandlung sind zwei völlig verschiedene Dinge.

Wenn bereits Schäden entstanden sind

Stellen wir uns vor, Vitamin D trägt tatsächlich dazu bei, Entzündungsprozesse zu regulieren, Nervenzellen vor oxidativem Stress zu schützen und bestimmte für Nervenzellen wichtige Wachstumsfaktoren zu beeinflussen.

Dann wäre kaum zu erwarten, dass man all diese möglichen Effekte einfach nachholen kann, indem man erst im hohen Alter oder nach Beginn einer Demenz Vitamin D einnimmt.

Was über Jahrzehnte entstanden ist, lässt sich wahrscheinlich nicht innerhalb einiger Monate oder Jahre rückgängig machen.

Deshalb bedeutet ein fehlender deutlicher Effekt bei Menschen mit bereits bestehender Demenz nicht automatisch, dass ihr Vitamin-D-Status in den Jahrzehnten davor keine Rolle gespielt hat.

Das ist bei der Beurteilung von Nährstoffstudien ein wichtiger Unterschied:

Vorbeugen ist nicht dasselbe wie reparieren.

Besonders interessant: Vitamin D vor Beginn einer Demenz

Dazu passt eine große Untersuchung mit 12.388 älteren Menschen, die zu Beginn noch keine Demenz hatten. Die Forscher beobachteten über mehrere Jahre, wer Vitamin-D-Präparate verwendete und wer nicht. [9]

Das Ergebnis war auffällig:

Bei den Vitamin-D-Anwendern trat Demenz insgesamt etwa 40 % seltener auf.

Noch interessanter wurde es, als man genauer hinschaute.

Bei Menschen, die zu Beginn noch keine erkennbaren kognitiven Einschränkungen hatten, trat Demenz unter Vitamin-D-Anwendern sogar etwa 56 % seltener auf.

Bei Teilnehmern, die bereits erste leichte kognitive Einschränkungen – eine sogenannte MCI – hatten, war der Unterschied mit etwa 33 % deutlich kleiner. [9]

Das passt zumindest zu einer interessanten Vermutung:

Vitamin D könnte besonders dann eine Rolle spielen, wenn wir uns darum kümmern, bevor deutliche Veränderungen im Gehirn entstanden sind.

Aber auch diese Studie hat einen Haken.

Die Teilnehmer wurden nicht zufällig in eine Vitamin-D- und eine Nicht-Vitamin-D-Gruppe eingeteilt. Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel verwenden, leben möglicherweise auch sonst anders: Sie achten vielleicht stärker auf ihre Ernährung, bewegen sich mehr oder kümmern sich insgesamt bewusster um ihre Gesundheit.

Außerdem wissen wir nicht genau, welche Vitamin-D-Dosierungen die Teilnehmer einnahmen und welche Blutspiegel sie damit erreichten.

Deshalb sind die Ergebnisse sehr interessant – aber noch kein Beweis dafür, dass Vitamin D für das niedrigere Demenzrisiko verantwortlich war.

Ein wichtiges Zeitfenster: erste Gedächtnisprobleme

Zwischen einem gesunden Gehirn und einer Demenz gibt es häufig eine Zwischenstufe: die bereits erwähnte leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI).

Betroffene merken beispielsweise, dass ihr Gedächtnis nachlässt oder bestimmte geistige Aufgaben schwieriger werden. Im Alltag kommen sie aber noch weitgehend selbstständig zurecht.

Und wichtig:

Nicht jeder Mensch mit MCI entwickelt später eine Demenz.

Gerade deshalb ist diese Phase für die Forschung besonders interessant.

Wir haben weiter oben bereits eine Studie kennengelernt, in der Menschen mit MCI zwölf Monate lang täglich 800 IE Vitamin D erhielten. Bei mehreren Tests schnitt die Vitamin-D-Gruppe anschließend besser ab als die Placebogruppe. [6]

Auch daraus können wir nicht schließen, dass Vitamin D eine MCI behandelt oder eine spätere Demenz verhindert.

Aber zusammen mit den anderen Ergebnissen ergibt sich eine spannende Frage:

Könnte es bei Vitamin D – wie bei vielen anderen Maßnahmen zur Gesunderhaltung des Gehirns – entscheidend sein, möglichst früh anzusetzen?


Nicht erst auf die Diagnose warten

Eine Garantie, dass ein guter Vitamin-D-Status vor Demenz schützt, gibt es nicht.

Aber müssen wir deshalb warten, bis die Forschung irgendwann jede einzelne Frage beantwortet hat?

Einen Vitamin-D-Mangel können wir messen. Und wir können ihn beheben.

Gerade weil niedrige Vitamin-D-Spiegel in zahlreichen Untersuchungen immer wieder mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden sind, erscheint es wenig sinnvoll, einen ausgeprägten Mangel einfach hinzunehmen.

Das gilt umso mehr, weil Vitamin D nicht nur im Zusammenhang mit Demenz interessant ist, sondern für zahlreiche Funktionen unseres Körpers und auch unseres Nervensystems benötigt wird.

Vielleicht ist deshalb die praktischere Frage nicht:

„Kann mir Vitamin D garantieren, dass ich niemals an Demenz erkranke?“

Sondern:

„Was kann ich heute dafür tun, mein Gehirn möglichst lange gesund zu erhalten?“

Und Vitamin D ist dabei nur ein Teil des Gesamtbildes.


Demenzprävention ist mehr als Vitamin D

So interessant Vitamin D für unser Gehirn ist: Demenz hat nicht nur eine einzige Ursache.

Bei Alzheimer und anderen Demenzformen kommen wahrscheinlich viele Faktoren zusammen. Manche davon können wir nicht beeinflussen – beispielsweise unser Alter oder unsere genetische Veranlagung.

Bei anderen sieht es anders aus.

Was wir selbst beeinflussen können

Unser Gehirn profitiert von vielem, was auch dem restlichen Körper guttut.

Dazu gehören vor allem:

  • regelmäßige Bewegung
  • ein gut eingestellter Blutdruck
  • ein gesunder Zuckerstoffwechsel
  • nicht rauchen und Alkohol nur in Maßen
  • ausreichend Schlaf
  • soziale Kontakte
  • geistige Aktivität und immer wieder neue Herausforderungen für das Gehirn
  • die Behandlung eines ausgeprägten Hörverlustes

Wie wichtig solche Faktoren sein können, zeigt auch die große Lancet-Kommission zur Demenzprävention. Sie geht davon aus, dass ein erheblicher Teil der Demenzerkrankungen mit beeinflussbaren Risikofaktoren zusammenhängt.

Natürlich bedeutet das nicht, dass jeder Mensch eine Demenz verhindern kann, wenn er nur „gesund genug“ lebt.

Aber es bedeutet:

Wir haben mehr Einfluss auf die langfristige Gesundheit unseres Gehirns, als man vielleicht vermuten würde.

Und welche Rolle spielen Mikronährstoffe?

Auch unser Gehirn ist auf eine gute Versorgung mit Nährstoffen angewiesen.

Neben Vitamin D sind beispielsweise B-Vitamine, Magnesium und Zink für zahlreiche Vorgänge im Nervensystem wichtig.

Besonders interessant sind außerdem die Omega-3-Fettsäuren EPA und DHA. Vor allem DHA ist ein wichtiger Bestandteil der Zellmembranen unserer Nervenzellen und spielt für Aufbau und Funktion des Gehirns eine bedeutende Rolle.

Das bedeutet natürlich nicht:

Je mehr Nahrungsergänzungsmittel, desto besser.

Entscheidend ist vielmehr, Mängel zu vermeiden und den Körper insgesamt gut zu versorgen.

Und genau hier hat auch Vitamin D seinen Platz.

Es ist kein Wundermittel gegen Demenz. Aber ein Vitamin-D-Mangel ist ein messbarer und vermeidbarer Mangelzustand – und niedrige Vitamin-D-Spiegel werden in der Forschung immer wieder mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz in Verbindung gebracht.

Unser Gehirn braucht langfristige Pflege

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Botschaften dieses Beitrags:

Wir sollten uns nicht erst um unser Gehirn kümmern, wenn das Gedächtnis nachlässt.

Bewegung, guter Schlaf, soziale Kontakte, geistige Aktivität, ein gesunder Stoffwechsel und eine gute Nährstoffversorgung bieten keine Garantie, niemals an Demenz zu erkranken.

Aber es sind Dinge, die wir selbst beeinflussen können.

Und damit können wir eigentlich jederzeit anfangen.


Vitamin-D-Mangel erkennen: Messen statt raten

Ob jemand ausreichend mit Vitamin D versorgt ist, lässt sich nicht zuverlässig am Gefühl erkennen.

Wer es wissen möchte, sollte den Vitamin-D-Spiegel im Blut bestimmen lassen.

Gemessen wird dabei der sogenannte 25(OH)D-Wert. Das ist der Wert, den du normalerweise auch auf deinem Laborbefund findest.

Je nach Labor wird er in ng/ml oder nmol/l angegeben.

Für die Umrechnung gilt:

1 ng/ml = 2,5 nmol/l

Warum die Messung so wichtig ist, haben wir bei den Studien bereits gesehen.

Es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand beispielsweise mit 10 ng/ml, 30 ng/ml oder 50 ng/ml startet.

Viele Studien definieren einen Vitamin-D-Mangel bei Werten unter 20 ng/ml (50 nmol/l), teilweise wird ein ausgeprägter Mangel erst unter 12 ng/ml (30 nmol/l) betrachtet. Das weicht natürlich sehr stark von dem ab, was viele Vitamin D-Experten empfehlen, denn ein befriedigender Vitamin D Spiegel beginnt laut den Experten erst bei 40 ng/ml.

Gerade in diesen sehr niedrigen Bereichen finden sich in den Demenzstudien besonders auffällige Zusammenhänge mit einem erhöhten Risiko.

Welcher Vitamin-D-Spiegel darüber hinaus für die langfristige Gesundheit unseres Gehirns optimal wäre, wissen wir dagegen bisher nicht.


Empfehlenswerter Vitamin D Selbsttest:

Vitamin D Test von Medivere

Vitamin D Test von Medivere


Vitamin D nicht isoliert betrachten

Wer Vitamin D einnimmt, sollte außerdem nicht vergessen, dass Nährstoffe im Körper nicht unabhängig voneinander arbeiten.

Besonders wichtig für den Vitamin-D-Stoffwechsel ist beispielsweise Magnesium. Auch andere Mikronährstoffe können – abhängig von Ernährung, Versorgung und Vitamin-D-Dosierung – eine Rolle spielen.

Deshalb ist es sinnvoller, die gesamte Versorgung im Blick zu behalten, statt sich ausschließlich auf eine möglichst hohe Vitamin-D-Dosis zu konzentrieren.

Vitamin D ist für das Gehirn kein Nebendarsteller

Bei all den offenen Fragen zur Demenzprävention sollten wir einen wichtigen Punkt nicht aus den Augen verlieren:

Dass Vitamin D im Gehirn eine Rolle spielt, steht nicht ernsthaft zur Debatte.

Vitamin-D-Rezeptoren wurden in verschiedenen Bereichen des Gehirns nachgewiesen. Nervenzellen und andere Gehirnzellen können auf Vitamin D reagieren. Es beeinflusst unter anderem Vorgänge rund um Entzündungen, oxidativen Stress, Calcium-Signalwege und Stoffe, die für Wachstum und Erhaltung von Nervenzellen wichtig sind. [10–13]

Die offene Frage lautet vielmehr:

Wie stark beeinflusst unser Vitamin-D-Status über viele Jahre hinweg das Risiko, später an Demenz zu erkranken?

Und genau diese Frage ist erstaunlich schwer zu beantworten.

Wo die Vitamin-D-Forschung an ihre Grenzen stößt

Wir haben im Laufe dieses Beitrags einige dieser Schwierigkeiten kennengelernt.

Wenn überwiegend Menschen untersucht werden, die bereits ausreichend mit Vitamin D versorgt sind, erfahren wir wenig darüber, was die Beseitigung eines Mangels bewirken würde.

Wenn nur die eingenommene Dosis bekannt ist, aber nicht der erreichte Blutspiegel, fehlt ebenfalls eine wichtige Information.

Und wenn Vitamin D erst im hohen Alter oder sogar nach Beginn von Gedächtnisproblemen gegeben wird, lässt sich daraus kaum ableiten, welche Bedeutung eine gute Versorgung während der Jahrzehnte davor gehabt hätte.

Hinzu kommt:

Alzheimer entwickelt sich nicht innerhalb weniger Monate.

Die Veränderungen können viele Jahre vor der Diagnose beginnen. Eine zwei- oder dreijährige Vitamin-D-Studie im höheren Lebensalter untersucht deshalb nur einen kleinen Ausschnitt dieses langen Prozesses.

Das macht Studien mit neutralem Ergebnis nicht wertlos. Im Gegenteil: Sie zeigen uns beispielsweise, dass zusätzliches Vitamin D bei bereits gut versorgten Menschen nicht automatisch die geistige Leistungsfähigkeit verbessert oder Demenz verhindert.

Aber sie beantworten eben nicht jede Frage.

Vor allem diese nicht:

Welche Bedeutung hat ein guter Vitamin-D-Status über Jahrzehnte für die Gesundheit unseres Gehirns?

Darauf haben wir bislang keine abschließende Antwort.

Was wir aber wissen: Vitamin D erfüllt wichtige Aufgaben im Nervensystem – und ein ausgeprägter Mangel ist weder notwendig noch etwas, das wir einfach hinnehmen müssen.

Die Frage, ob Vitamin D für unser Gehirn wichtig ist, ist nicht dieselbe wie die Frage, ob eine Vitamin-D-Tablette in einer einzelnen Studie Demenz verhindern kann.

Mehr zu Vitamin D, Blutwerten und Dosierung

Wie der Vitamin-D-Spiegel bestimmt wird, welche Blutwerte eine Rolle spielen, wie sich tägliche Einnahme und Bolusgaben unterscheiden und welche Kofaktoren wichtig sind, habe ich ausführlich in meinem Grundlagenartikel beschrieben:

👉 Vitamin D – Grundlagen: Was du über das Sonnenhormon wissen solltest

Wer Vitamin D supplementiert, sollte dabei nicht ausschließlich auf die Zahl der eingenommenen Internationalen Einheiten schauen.

Entscheidend ist letztlich, welcher 25(OH)D-Spiegel tatsächlich erreicht wird.

Denn die gleiche Dosierung kann bei verschiedenen Menschen zu ganz unterschiedlichen Blutwerten führen.


Fazit: Vitamin D und Demenz – was können wir aus der Forschung mitnehmen?

Nach all den Studien, Zahlen und unterschiedlichen Ergebnissen bleibt eine erstaunlich klare Botschaft:

Vitamin D ist für unser Gehirn wichtig.

Es besitzt dort eigene Rezeptoren und beeinflusst verschiedene Vorgänge, die für Nervenzellen und ihre Funktion von Bedeutung sind.

Gleichzeitig zeigen große Langzeitstudien immer wieder:

Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln haben häufiger kognitive Probleme und ein höheres Risiko für Demenz und Alzheimer.

Besonders deutlich ist dieser Zusammenhang bei ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel.

Was wir dagegen bisher nicht sagen können:

„Wer Vitamin D einnimmt, bekommt keine Demenz.“

So einfach funktioniert es nicht.

Studien, in denen Menschen gezielt Vitamin D erhalten, liefern unterschiedliche Ergebnisse. Manche zeigen Verbesserungen bestimmter geistiger Fähigkeiten, andere finden keinen eindeutigen Schutz vor Demenz.

Und wie wir gesehen haben, lohnt sich dabei immer ein zweiter Blick:

  • Hatten die Teilnehmer überhaupt einen Mangel?
  • Welche Blutwerte erreichten sie?
  • Wie lange wurde Vitamin D gegeben?
  • Und begann die Einnahme möglicherweise erst zu einem Zeitpunkt, an dem bereits Veränderungen im Gehirn vorhanden waren?

Kein Wundermittel – aber auch kein unwichtiger Faktor

Vitamin D ist kein Wundermittel gegen Demenz.

Aber daraus folgt nicht, dass der Vitamin-D-Status für unser Gehirn unwichtig wäre.

Vielleicht liegt die vernünftigste Konsequenz aus der bisherigen Forschung genau zwischen diesen beiden Extremen:

Einen Vitamin-D-Mangel zu vermeiden ist sinnvoll. Ob darüber hinaus besonders hohe Vitamin-D-Spiegel zusätzlichen Schutz vor Demenz bieten, wissen wir bisher nicht.
(Wir wissen aber, dass ein hoher Vitamin D Spiegel vor anderen Erkrankungen schützt!)

Und vielleicht sollten wir die Frage deshalb gar nicht nur auf Demenz reduzieren.

Vitamin D wird für zahlreiche Funktionen unseres Körpers benötigt – auch im Nervensystem. Warum sollten wir also einen vermeidbaren Mangel akzeptieren?

Prävention bedeutet schließlich nicht, eine Garantie gegen jede Erkrankung zu bekommen.

Sie bedeutet, die Faktoren, die wir beeinflussen können, möglichst günstig zu gestalten – und damit nicht erst anzufangen, wenn Probleme auftreten.

Gerade bei unserem Gehirn dürfte das eine ziemlich gute Idee sein.


Quellen

[1] Zhang et al. – Association of Vitamin D Levels with Risk of Cognitive Impairment and Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis of Prospective Studies
Systematische Übersichtsarbeit mit 23 prospektiven Studien. Vitamin-D-Mangel war mit einem 42 % höheren Demenzrisiko und einem 57 % höheren Alzheimer-Risiko verbunden. Enthält außerdem die von uns besprochene Dosis-Wirkungs-Analyse.
PubMed – Studie ansehen

[2] Chen et al. – The associations of serum vitamin D status and vitamin D supplements use with all-cause dementia, Alzheimer’s disease, and vascular dementia
Große prospektive UK-Biobank-Studie mit 269.229 Teilnehmern. Vitamin-D-Mangel und -Insuffizienz waren mit erhöhtem Demenzrisiko verbunden; regelmäßige Vitamin-D-Anwender hatten ein 17 % niedrigeres Alzheimer-Risiko.
PubMed – Studie ansehen

[3] Huang et al. – Association of vitamin D with risk of dementia: a dose-response meta-analysis of observational studies
Meta-Analyse von 22 Studien mit 53.122 Teilnehmern. Die niedrigste Vitamin-D-Kategorie war gegenüber der höchsten mit einem 49 % höheren Demenzrisiko verbunden.
Frontiers in Neurology – Volltext

[4] Chen et al. – Effects of Vitamin D Supplementation on Cognitive Outcomes: A Systematic Review and Meta-Analysis
Meta-Analyse von 24 randomisierten Studien mit 7.557 Teilnehmern. Insgesamt kleiner, aber signifikanter positiver Effekt auf die globale Kognition. Besonders interessant: Der Effekt war bei Teilnehmern mit Vitamin-D-Mangel zu Studienbeginn deutlich stärker.
PubMed – Studie ansehen

[5] Behrouzi et al. – Effects of Vitamin D Supplementation on Cognitive Function in Older Adults
Die aktuelle Meta-Analyse von 2026 umfasst neun RCTs bei Menschen ab 60 Jahren. Signifikante Verbesserungen wurden unter anderem bei globaler Kognition, Sprache, Arbeitsgedächtnis und visuell-räumlicher Leistung gefunden; bei anderen kognitiven Bereichen dagegen nicht.
PubMed – Studie ansehen

[6] Yang et al. – Vitamin D Supplementation Improves Cognitive Function Through Reducing Oxidative Stress Regulated by Telomere Length in Older Adults with Mild Cognitive Impairment
Randomisierte, doppelblinde Studie mit 183 älteren Menschen mit MCI. 800 IE Vitamin D täglich über zwölf Monate führten gegenüber Placebo zu Verbesserungen mehrerer kognitiver Testergebnisse.
PubMed – Studie ansehen

[7] Jia et al. – Effects of vitamin D supplementation on cognitive function and blood Aβ-related biomarkers in older adults with Alzheimer’s disease
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 210 Alzheimer-Patienten. 800 IE Vitamin D täglich über zwölf Monate waren mit Verbesserungen bestimmter kognitiver Tests und Veränderungen von Amyloid-β-bezogenen Biomarkern verbunden.
PubMed – Studie ansehen

[8] Lönnroos et al. – The Effect of Vitamin D3 Supplementation on the Incidence of Diagnosed Dementia Among Healthy Older Adults – The Finnish Vitamin D Trial
Besonders wichtig als Gegenpol: 2.492 Teilnehmer, Placebo versus 1.600 beziehungsweise 3.200 IE Vitamin D täglich über bis zu fünf Jahre. Kein statistisch signifikanter Schutz vor Demenz. Allerdings war die untersuchte Population bereits überwiegend gut mit Vitamin D versorgt. Ausgangswert in der untersuchten Untergruppe durchschnittlich 74,8 nmol/l (~30 ng/ml); nach einem Jahr rund 40 bzw. 48 ng/ml in den Vitamin-D-Gruppen.
PubMed – Studie ansehen

[9] Ghahremani et al. – Vitamin D supplementation and incident dementia: Effects of sex, APOE, and baseline cognitive status
Prospektive Untersuchung von 12.388 zunächst demenzfreien älteren Menschen. Vitamin-D-Exposition war mit einer 40 % niedrigeren Demenzinzidenz verbunden. Der Zusammenhang war bei Menschen mit zu Beginn normaler Kognition stärker als bei bereits bestehender MCI. Wichtig: Beobachtungsstudie, kein RCT.
PubMed – Studie ansehen

[10] Eyles et al./Übersichtsarbeit – Vitamin D and neurocognitive function
Wichtige Grundlagenquelle zur Rolle von Vitamin D im Gehirn. Beschreibt unter anderem den Nachweis von Vitamin-D-Rezeptoren und CYP27B1 im menschlichen Gehirn, einschließlich Hippocampus und weiterer für die Kognition relevanter Regionen.
Volltext bei PubMed Central

[11] Eyles et al. – Vitamin D: Brain and Behavior
Umfangreiche Übersichtsarbeit zu den biologischen Funktionen von Vitamin D im Gehirn, unter anderem zu NGF, GDNF und anderen neurotrophen Faktoren, neuronaler Entwicklung und Funktion.
Volltext bei PubMed Central

[12] Vitamin D Receptor as a Potential Target for Age-Related Neurodegenerative Diseases
Übersichtsarbeit zur Verteilung des Vitamin-D-Rezeptors im Gehirn und zu möglichen Zusammenhängen mit Alzheimer und Parkinson. Besonders nützlich für unseren Abschnitt über Hippocampus, Neuronen, Gliazellen sowie Amyloid und Tau.
Volltext bei PubMed Central

[13] Vitamin D in Central Nervous System: Implications for Neurological Disorders
Neuere Übersichtsarbeit zu Vitamin-D-Stoffwechsel und -Signalwegen im zentralen Nervensystem. Beschreibt unter anderem, dass Vitamin-D-Metaboliten die Blut-Hirn-Schranke überwinden können und Enzyme zur lokalen Vitamin-D-Aktivierung in Neuronen und Gliazellen vorhanden sind.
Volltext bei PubMed Central


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