Vitamin D und Demenz – welche Rolle spielt das Sonnenhormon für unser Gehirn?

Demenz gehört zu den Erkrankungen, vor denen sich viele Menschen im Alter besonders fürchten. Die Vorstellung, Erinnerungen zu verlieren, vertraute Menschen irgendwann nicht mehr zu erkennen und zunehmend die Selbstständigkeit einzubüßen, ist beängstigend. Gleichzeitig steigt mit unserer höheren Lebenserwartung auch die Zahl der Menschen, die von Demenz betroffen sind.

Eine Heilung gibt es bislang nicht. Umso wichtiger ist die Frage: Was können wir tun, um unser Gehirn möglichst lange gesund und leistungsfähig zu erhalten?

Neben Bewegung, Ernährung, Stoffwechselgesundheit und geistiger Aktivität rückt dabei seit einigen Jahren ein Faktor zunehmend in den Fokus der Forschung: Vitamin D.

Meist denken wir bei Vitamin D zunächst an Knochen, Calcium und Osteoporose. Doch Vitamin D wirkt keineswegs nur auf den Knochenstoffwechsel. Vitamin-D-Rezeptoren finden sich auch im Gehirn, und Vitamin D ist an verschiedenen Vorgängen beteiligt, die für Nervenzellen, Entzündungsregulation und die Funktion unseres Gehirns von Bedeutung sind.


Inhaltsverzeichnis:


Was hat Vitamin D mit Demenz zu tun?

Besonders interessant ist deshalb eine Beobachtung, die sich in zahlreichen Untersuchungen wiederholt:

Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln haben häufiger kognitive Einschränkungen und entwickeln häufiger eine Demenz oder Alzheimer-Erkrankung als Menschen mit höheren Vitamin-D-Spiegeln.

Doch bedeutet das automatisch, dass Vitamin D vor Demenz schützt?

So einfach ist es leider nicht, auch wenn diese Vermutung mehr als naheliegend ist.

Während große Beobachtungsstudien teilweise erstaunlich deutliche Zusammenhänge zeigen, fallen Studien, in denen Menschen gezielt Vitamin D erhalten, wesentlich uneinheitlicher aus. Auf den ersten Blick könnte man daraus schließen: Der Vitamin-D-Spiegel ist zwar mit dem Demenzrisiko verbunden – eine Supplementierung bringt aber wenig. Dieser Gedanke löst sich aber bei genauerer Betrachtung der Studien relativ schnell auf.

Denn bei genauerem Hinsehen tauchen entscheidende Fragen auf:

Hatten die Studienteilnehmer überhaupt einen Vitamin-D-Mangel? Wie viel Vitamin D bekamen sie? Welche Blutspiegel wurden tatsächlich erreicht? Wie lange dauerte die Untersuchung? Und wurde Vitamin D zur Prävention eingesetzt – oder erst, als bereits kognitive Veränderungen vorhanden waren?

❗Genau diese Details sind wichtig, wenn wir Studien zu Vitamin D richtig beurteilen wollen.

In diesem Beitrag schauen wir deshalb nicht nur darauf, ob Vitamin D untersucht wurde, sondern auch darauf, bei wem, in welcher Dosierung, bei welchem Ausgangsspiegel und mit welchem Ergebnis.

Denn möglicherweise steckt hinter den scheinbar widersprüchlichen Studienergebnissen eine viel interessantere Geschichte.


Vitamin D im Gehirn – viel mehr als ein Knochenvitamin

Vitamin D wird häufig noch immer in erster Linie als „Knochenvitamin“ betrachtet. Tatsächlich reicht seine Wirkung jedoch weit darüber hinaus. Die biologisch aktive Form von Vitamin D wirkt über den Vitamin-D-Rezeptor (VDR), der die Aktivität zahlreicher Gene beeinflussen kann.

Solche Vitamin-D-Rezeptoren finden sich auch im Gehirn – unter anderem in Nervenzellen und Gliazellen sowie in Regionen, die für Gedächtnis, Lernen und kognitive Fähigkeiten von Bedeutung sind. Auch Enzyme, die Vitamin D in seine aktive Form umwandeln können, wurden im Gehirn nachgewiesen. Das spricht dafür, dass Vitamin D dort nicht nur zufällig vorhanden ist, sondern Bestandteil verschiedener Regulationsprozesse ist. [10, 13]

Die Wirkung von Vitamin D im Gehirn

Wie Vitamin D Nervenzellen beeinflussen könnte

Experimentelle Untersuchungen zeigen mehrere Mechanismen, über die Vitamin D zur Funktion und zum Schutz des Nervensystems beiträgt.

Dazu gehören insbesondere die Regulation von Entzündungsprozessen, der Schutz vor oxidativem Stress, die Regulation des Calciumhaushalts in Nervenzellen sowie Einflüsse auf die Funktion der Mitochondrien. Gerade chronische Neuroinflammation und oxidativer Stress spielen auch bei neurodegenerativen Erkrankungen eine wichtige Rolle.[12, 13]

Vitamin D beeinflusst außerdem sogenannte neurotrophe Faktoren. Dazu gehören beispielsweise der Nervenwachstumsfaktor NGF (Nerve Growth Factor) und GDNF (Glial Cell Line-Derived Neurotrophic Factor). Solche Faktoren sind für Wachstum, Erhaltung und Überleben von Nervenzellen sowie für deren Anpassungsfähigkeit von Bedeutung.[11]

Auch auf die Signalübertragung zwischen Nervenzellen scheint Vitamin D Einfluss zu nehmen. Untersuchungen weisen darauf hin, dass Vitamin-D-Signalwege an der Regulation verschiedener Neurotransmittersysteme beteiligt sind.[11]

Besonders spannend: Amyloid und Tau

Bei Alzheimer spielen zwei Eiweißveränderungen eine zentrale Rolle: Amyloid-β, das sich außerhalb von Nervenzellen zu Plaques ansammeln kann, und verändertes Tau-Protein, das innerhalb der Nervenzellen sogenannte neurofibrilläre Bündel bildet.

Aus Zell- und Tierexperimenten gibt es Hinweise darauf, dass Vitamin D verschiedene Prozesse beeinflussen könnte, die mit diesen Veränderungen zusammenhängen. Dazu gehören unter anderem der Abbau und die Entfernung von Amyloid-β sowie Signalwege, die mit der krankhaften Veränderung von Tau in Verbindung stehen.[12]

Das klingt zunächst beeindruckend – hier ist jedoch eine wichtige Einschränkung notwendig:

Ein biologisch plausibler Mechanismus ist leider noch kein Beweis dafür, dass eine Vitamin-D-Supplementierung beim Menschen Alzheimer verhindern oder behandeln kann.

Viele dieser Erkenntnisse stammen aus Zellkulturen und Tiermodellen. Sie zeigen uns, warum ein ausreichender Vitamin-D-Status für das Gehirn interessant sein könnte. Ob und in welchem Umfang sich daraus tatsächlich ein Schutz vor Demenz beim Menschen ergibt, müssen klinische Studien zeigen.

Und genau dort wird es spannend: Denn wenn wir uns die großen Bevölkerungsstudien anschauen, zeigt sich tatsächlich ein auffälliger Zusammenhang zwischen Vitamin-D-Mangel und Demenzrisiko.


Vitamin-D-Mangel und Demenz: Was zeigen die großen Beobachtungsstudien?

Die biologischen Zusammenhänge sind interessant – entscheidend ist jedoch die Frage, ob sie sich auch beim Menschen wiederfinden. Und tatsächlich zeigen zahlreiche Langzeitstudien ein auffälliges Muster: Je niedriger der Vitamin-D-Status, desto häufiger treten später kognitive Einschränkungen und Demenzerkrankungen auf.

Besonders aufschlussreich ist eine 2024 veröffentlichte systematische Übersichtsarbeit mit Meta-Analyse. Die Wissenschaftler werteten 23 prospektive Studien aus, in denen Menschen über längere Zeit beobachtet worden waren.[1]

Das Ergebnis war deutlich:

Bei Vitamin-D-Mangel war das Risiko für

  • Demenz um 42 % erhöht,
  • Alzheimer um 57 % erhöht und
  • kognitive Beeinträchtigungen um 34 % erhöht.
Die Auswirkungen von Vitamin D Mangel auf das Demenz-Risiko

Besonders interessant war die Dosis-Wirkungs-Analyse. Der Zusammenhang verlief nicht einfach linear nach dem Motto „je mehr Vitamin D, desto besser“. Das niedrigste Demenzrisiko zeigte sich in den verfügbaren Daten ungefähr bei einem 25(OH)D-Spiegel von 77,5 bis 100 nmol/l – entsprechend etwa 31 bis 40 ng/ml.[1]

Das bedeutet allerdings nicht, dass damit der optimale Vitamin-D-Spiegel zur Demenzprävention gefunden wäre.
Die Analyse kann nur die Bereiche beurteilen, für die ausreichend Daten vorhanden waren – und das waren eben leider nicht die wirklich empfohlenen Vitamin-D-Spiegel von mindestens 70 ng/ml. Sie belegt insbesondere nicht, dass höhere Werte keinen zusätzlichen Nutzen haben – dafür wären gezielte Untersuchungen mit entsprechend höheren erreichten Blutspiegeln notwendig.

269.000 Menschen über viele Jahre beobachtet

Eine weitere bemerkenswerte Untersuchung stammt aus der UK Biobank. Dabei wurden 269.229 Menschen im Alter von 55 bis 69 Jahren hinsichtlich ihres Vitamin-D-Status und des späteren Auftretens verschiedener Demenzformen untersucht. Die Nachbeobachtung umfasste bis zu 14 Jahre.[2]

Die Forscher unterschieden zwischen:

Vitamin-D-Mangel: unter 30 nmol/l (unter 12 ng/ml)
Vitamin-D-Insuffizienz: 30 bis unter 50 nmol/l (12 bis unter 20 ng/ml)
ausreichender Versorgung: mindestens 50 nmol/l (ab 20 ng/ml).

Menschen mit einem ausgeprägten Vitamin-D-Mangel hatten gegenüber der Referenzgruppe ein 25 % höheres Risiko für Demenz insgesamt, ein 19 % höheres Alzheimer-Risiko und ein 24 % höheres Risiko für vaskuläre Demenz. Selbst bei lediglich unzureichender Versorgung zwischen 12 und 20 ng/ml waren die Risiken noch um etwa 10 bis 15 % erhöht.

Interessant ist noch eine weitere Beobachtung: Personen, die regelmäßig Vitamin-D-Präparate einnahmen, hatten ein 17 % niedrigeres Risiko, an Alzheimer zu erkranken.[2]

Zusammenhang bedeutet noch nicht Ursache

So beeindruckend diese Zahlen erscheinen: Beobachtungsstudien können nicht beweisen, dass der niedrige Vitamin-D-Spiegel die Demenz verursacht hat.

Denkbar ist beispielsweise auch der umgekehrte Zusammenhang. Menschen, deren Gesundheit oder kognitive Leistungsfähigkeit bereits nachlässt, bewegen sich möglicherweise weniger im Freien, bekommen dadurch weniger Sonne und entwickeln eher niedrige Vitamin-D-Spiegel. Ernährung, körperliche Aktivität, chronische Erkrankungen und zahlreiche weitere Faktoren können ebenfalls eine Rolle spielen.

Genau deshalb sind randomisierte Interventionsstudien so wichtig.

Trotzdem lässt sich ein Punkt kaum übersehen: Der Zusammenhang zwischen niedrigem Vitamin-D-Status und erhöhtem Demenzrisiko zeigt sich nicht nur in einzelnen kleinen Untersuchungen, sondern auch in großen prospektiven Kohorten und zusammenfassenden Analysen zahlreicher Studien.

Die entscheidende Frage lautet daher:

Was passiert, wenn man nicht nur Vitamin-D-Spiegel beobachtet, sondern Menschen tatsächlich Vitamin D gibt?


Was passiert, wenn Vitamin D tatsächlich gegeben wird?

Beobachtungsstudien können Zusammenhänge zeigen, aber keine Ursache beweisen. Deshalb sind randomisierte kontrollierte Studien besonders wichtig: Ein Teil der Teilnehmer erhält Vitamin D, ein anderer ein Placebo, anschließend werden die Ergebnisse miteinander verglichen.

Und genau hier wird die Studienlage auf den ersten Blick widersprüchlich.

Eine 2023 veröffentlichte Meta-Analyse fasste 24 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 7.557 Teilnehmern zusammen. Im Durchschnitt waren die Teilnehmer etwa 65 Jahre alt. [4]

Über alle Studien hinweg zeigte die Vitamin-D-Supplementierung einen kleinen, aber statistisch signifikanten positiven Effekt auf die allgemeine kognitive Leistungsfähigkeit.

Viel interessanter wird das Ergebnis jedoch, wenn man genauer hinsieht.

Wer einen Vitamin-D-Mangel hatte, profitierte stärker

Die Forscher untersuchten nämlich auch verschiedene Teilnehmergruppen getrennt voneinander. Dabei war der Effekt von Vitamin D bei besonders gefährdeten Personen deutlich größer – und am stärksten bei Menschen, die bereits zu Beginn der Studie einen Vitamin-D-Mangel hatten.[4]

Die Autoren weisen deshalb auf ein grundsätzliches Problem vieler Vitamin-D-Studien hin: Wenn man untersuchen möchte, ob die Beseitigung eines Vitamin-D-Mangels einen gesundheitlichen Nutzen bringt, sollte die untersuchte Gruppe zu Beginn überhaupt einen entsprechenden Mangel aufweisen.

Das klingt eigentlich selbstverständlich.

Trotzdem ist genau das bei Vitamin-D-Studien keineswegs immer der Fall.

Die Gründe für die unterschiedlichen Ergebnisse von Vitamin D Studien

Was zeigt die aktuelle Forschung?

Eine 2026 veröffentlichte Meta-Analyse untersuchte neun randomisierte kontrollierte Studien speziell bei Menschen ab 60 Jahren. Auch hier zeigte sich, dass eine Vitamin-D-Supplementierung verschiedene Bereiche der kognitiven Leistungsfähigkeit positiv beeinflussen konnte. Signifikante Verbesserungen fanden die Wissenschaftler bei der globalen Kognition, der sprachlichen Leistungsfähigkeit, dem Arbeitsgedächtnis und den visuell-räumlichen Fähigkeiten. Bei Aufmerksamkeit, exekutiven Funktionen und Verarbeitungsgeschwindigkeit zeigten sich dagegen keine eindeutigen Verbesserungen. [5]

Die Ergebnisse sprechen also nicht für einen pauschalen Effekt von Vitamin D auf sämtliche Bereiche der geistigen Leistungsfähigkeit. Sie liefern aber einen weiteren Hinweis darauf, dass Vitamin D bestimmte kognitive Funktionen bei älteren Menschen beeinflussen könnte.

800 IE täglich bei leichter kognitiver Beeinträchtigung

Ein interessantes Beispiel liefert eine randomisierte, doppelblinde und placebokontrollierte Studie aus dem Jahr 2020.

Untersucht wurden 183 Menschen ab 65 Jahren, die bereits unter einer leichten kognitiven Beeinträchtigung – dem sogenannten Mild Cognitive Impairment (MCI) – litten.[6]

Eine Gruppe erhielt zwölf Monate lang täglich 800 IE Vitamin D, die andere ein Placebo.

Nach zwölf Monaten schnitt die Vitamin-D-Gruppe bei mehreren Tests der kognitiven Leistungsfähigkeit signifikant besser ab als die Placebogruppe. Gleichzeitig fanden die Wissenschaftler Veränderungen verschiedener Marker für oxidativen Stress und der Telomerlänge.

Interessant daran ist nicht nur das Ergebnis, sondern auch die geringe Vitamin-D-Dosis: 800 IE täglich sind für einen Erwachsenen keine besonders hohe Dosierung (eher eine Dosierung für Säuglinge).
Und trotzdem waren sehr deutliche Ergebnisse zu erkennen.

Eine weitere randomisierte Studie untersuchte sogar 210 ältere Patienten mit bereits diagnostizierter Alzheimer-Erkrankung. Auch hier wurden lediglich 800 IE Vitamin D täglich über zwölf Monate gegeben. Die Vitamin-D-Gruppe zeigte Verbesserungen verschiedener kognitiver Testergebnisse sowie Veränderungen von Biomarkern des Amyloid-Stoffwechsels. Die Autoren betonten allerdings ausdrücklich, dass größere und länger dauernde Studien erforderlich sind. [7]

Das sind interessante Signale – aber noch kein Beweis dafür, dass Vitamin D Alzheimer behandeln kann. Auf die das beweisenden Studien müssen wir leider noch warten – und hoffen, dass sie überhaupt jemals durchgeführt werden.


Die große finnische Studie: Kein signifikanter Schutz vor Demenz

Nun kommt eine Studie, die auf den ersten Blick überhaupt nicht dazu passt.

Im Finnish Vitamin D Trial (FIND) wurden 2.492 ältere, weitgehend gesunde Menschen randomisiert. Sie erhielten bis zu fünf Jahre lang entweder:

  • Placebo,
  • 1.600 IE Vitamin D3 täglich oder
  • 3.200 IE Vitamin D3 täglich.

Das Ergebnis: Die Vitamin-D-Gruppen entwickelten zwar zahlenmäßig etwas seltener eine Demenz, der Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant.[8]

Auch in einer verlängerten Nachbeobachtung über durchschnittlich 7,7 Jahre ließ sich kein statistisch gesicherter Schutz vor Demenz oder Alzheimer nachweisen.

Man könnte an dieser Stelle also schreiben:

„Vitamin D verhindert keine Demenz.“

Doch damit würde man einen wichtigen Teil der Studie unterschlagen.

Die Finnische Studie zur Wirkung von Vitamin D bei Demenz

Die Teilnehmer hatten überwiegend gar keinen starken Vitamin-D-Mangel

Der durchschnittliche Vitamin-D-Spiegel zu Beginn der FIND-Studie betrug bereits rund 75 nmol/l – also etwa 30 ng/ml – und erreicht damit die Grenze zu einem „ausreichenden“ Vitamin D Spiegel.

Nur etwa 9 % der untersuchten Teilnehmer lagen unter 50 nmol/l beziehungsweise 20 ng/ml.

Mit anderen Worten:

Mehr als 90 % der Teilnehmer hatten nach der verwendeten Definition bereits zu Studienbeginn keinen ausgeprägten Vitamin-D-Mangel.

Die Studie untersuchte damit überwiegend nicht, was passiert, wenn man einen Vitamin-D-Mangel beseitigt. Sie untersuchte vielmehr, ob eine zusätzliche Vitamin-D-Gabe bei bereits relativ gut versorgten älteren Menschen das Auftreten einer Demenz weiter reduzieren kann.

Und dafür fand sie keinen statistisch signifikanten Nachweis.

Das ist ein wichtiger Unterschied.


Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Wie viel Vitamin D wurde gegeben?“

Bei Vitamin-D-Studien sollten wir deshalb immer mindestens vier Fragen stellen:

🔴Wie hoch war der Vitamin-D-Spiegel zu Beginn?

🔴Welche Dosierung wurde gegeben?

🔴Welcher Vitamin-D-Spiegel wurde dadurch tatsächlich erreicht?

🔴Und welche Menschen wurden überhaupt untersucht – Gesunde, Menschen mit Mangel, Personen mit ersten kognitiven Veränderungen oder bereits an Alzheimer Erkrankte?

Erst wenn man diese Punkte berücksichtigt, lassen sich scheinbar widersprüchliche Studien sinnvoll miteinander vergleichen.

Und genau daraus ergibt sich eine weitere spannende Frage:

Welcher Vitamin-D-Spiegel wäre für die Gesundheit unseres Gehirns eigentlich optimal – und wurde dieser Bereich in den bisherigen Studien überhaupt ausreichend untersucht?


Welcher Vitamin-D-Spiegel ist für das Gehirn optimal?

Wenn niedrige Vitamin-D-Spiegel mit einem höheren Demenzrisiko verbunden sind, liegt eine Frage nahe:

Wie hoch sollte der Vitamin-D-Spiegel sein, um das Gehirn bestmöglich zu unterstützen?

Darauf gibt es bislang keine eindeutige Antwort.

Die bereits erwähnte Meta-Analyse von 2024 fand einen nichtlinearen Zusammenhang zwischen dem 25(OH)D-Spiegel und dem Demenzrisiko. Das niedrigste Risiko zeigte sich in den ausgewerteten Daten ungefähr zwischen 77,5 und 100 nmol/l, also etwa 31 bis 40 ng/ml. [1]

Man könnte daraus vorschnell schließen, dass ein Vitamin-D-Spiegel oberhalb von 40 ng/ml keinen weiteren Nutzen für das Gehirn bringt.

Genau das lässt sich aus diesen Daten jedoch nicht ableiten.

Eine Meta-Analyse kann nur die Bereiche zuverlässig beurteilen, für die in den eingeschlossenen Studien genügend Daten vorhanden sind. Menschen mit deutlich höheren Vitamin-D-Spiegeln sind in vielen Beobachtungsstudien vergleichsweise selten vertreten. Damit wird es zunehmend schwieriger festzustellen, ob sich oberhalb eines bestimmten Bereichs weitere Unterschiede im Demenzrisiko zeigen.

Hinzu kommt: Eine neuere Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 kam zu einem etwas anderen Ergebnis. Sie wertete 22 Beobachtungsstudien mit insgesamt 53.122 Teilnehmern aus. Personen in der niedrigsten Vitamin-D-Kategorie hatten gegenüber denen in der höchsten Kategorie ein 49 % höheres Demenzrisiko. In der Dosis-Wirkungs-Analyse zeigte sich diesmal ein linearer Zusammenhang: Mit steigenden 25(OH)D-Werten nahm das statistische Demenzrisiko weiter ab, allerdings nur in relativ geringem Ausmaß. [3]

Schon daran erkennt man: Einen eindeutig nachgewiesenen „optimalen Vitamin-D-Spiegel gegen Demenz“ gibt es bislang nicht.

Was uns die finnische Studie zusätzlich verrät

Besonders interessant ist an dieser Stelle noch einmal die FIND-Studie.

Die Teilnehmer starteten durchschnittlich bei rund 30 ng/ml. Nach einem Jahr lagen die mittleren Werte bei:

  • Placebo: etwa 29 ng/ml
  • 1.600 IE täglich: etwa 40 ng/ml
  • 3.200 IE täglich: etwa 48 ng/ml.

Damit haben wir tatsächlich eine große randomisierte Studie, in der Vitamin-D-Spiegel von durchschnittlich knapp 30 ng/ml auf rund 40 beziehungsweise 48 ng/ml angehoben wurden.[8]

Trotzdem trat in den Vitamin-D-Gruppen nicht statistisch signifikant weniger Demenz auf. Auffällig ist zwar, dass während der eigentlichen Interventionsphase 18 Demenzfälle in der Placebogruppe, 14 unter 1.600 IE und 13 unter 3.200 IE auftraten. Die Fallzahlen waren jedoch klein und die Unterschiede statistisch nicht gesichert – daraus dürfen wir deshalb keinen Schutzeffekt ableiten.

Das ist ein wichtiges Ergebnis: Bei überwiegend bereits ausreichend versorgten älteren Menschen konnte eine weitere Anhebung des Vitamin-D-Spiegels bis durchschnittlich etwa 48 ng/ml bislang keinen gesicherten Schutz vor Demenz zeigen.

Und was ist mit höheren Vitamin-D-Spiegeln?

Hier stoßen wir auf eine entscheidende Wissenslücke.

Für die Frage, ob beispielsweise langfristige 25(OH)D-Spiegel von 50, 60, 70 oder 100 ng/ml gegenüber 30 oder 40 ng/ml einen zusätzlichen präventiven Nutzen hinsichtlich Demenz haben, fehlen bislang überzeugende randomisierte Studien.

Das bedeutet zweierlei:

Wir können derzeit nicht behaupten, dass höhere Vitamin-D-Spiegel einen zusätzlichen Schutz vor Demenz bieten.

Wir können anhand der vorhandenen Demenzstudien aber ebenso wenig behaupten, dass oberhalb von etwa 40 oder 50 ng/ml grundsätzlich kein weiterer Nutzen möglich wäre. Die entsprechenden Bereiche wurden schlicht nicht ausreichend untersucht.

Gerade deshalb ist es problematisch, aus einer Studie mit bereits relativ gut versorgten Teilnehmern die allgemeine Schlussfolgerung abzuleiten, Vitamin D spiele für die Demenzprävention keine Rolle.

Was die Forschung wesentlich deutlicher zeigt, ist etwas anderes:

Ein ausgeprägter Vitamin-D-Mangel ist mit einem höheren Risiko für kognitiven Abbau und Demenz verbunden. Ob eine darüber hinausgehende „Optimierung“ des Vitamin-D-Spiegels zusätzlichen Schutz bietet und wo ein dafür optimaler Bereich liegen könnte, ist dagegen noch offen.

Der Zeitpunkt könnte entscheidend sein: Prävention statt Reparatur

Wenn wir über Vitamin D und Demenz sprechen, wird ein Punkt häufig übersehen: Eine Demenz beginnt nicht erst an dem Tag, an dem die Diagnose gestellt wird.

Bei der Alzheimer-Erkrankung können sich krankhafte Veränderungen im Gehirn bereits viele Jahre, teilweise Jahrzehnte vor den ersten deutlichen Symptomen entwickeln. Amyloid-Ablagerungen, Veränderungen des Tau-Proteins, chronische Entzündungsprozesse und der zunehmende Verlust von Nervenzellfunktionen entstehen schleichend. Wenn Gedächtnisstörungen schließlich so ausgeprägt sind, dass eine Demenz diagnostiziert wird, ist dieser Prozess häufig bereits weit fortgeschritten.

Das verändert auch die Frage, die wir an Vitamin D stellen sollten.

Statt nur zu fragen:

„Kann Vitamin D eine bestehende Demenz behandeln?“

ist möglicherweise die wichtigere Frage:

„Kann ein guter Vitamin-D-Status über viele Jahre dazu beitragen, das Gehirn gesund zu erhalten und das Risiko eines späteren kognitiven Abbaus zu beeinflussen?“

Das sind zwei völlig unterschiedliche Fragestellungen.

Vitamin D erst geben, wenn das Gehirn bereits geschädigt ist?

Man kann sich das vereinfacht vorstellen: Wenn Vitamin D tatsächlich über Entzündungsregulation, oxidativen Stress, neurotrophe Faktoren oder andere Mechanismen zur Gesundheit von Nervenzellen beiträgt, wäre nicht zu erwarten, dass eine kurzfristige Supplementierung bereits entstandene Schäden einfach rückgängig macht.

Ein fehlender deutlicher Therapieeffekt bei bereits bestehender Demenz würde deshalb nicht automatisch beweisen, dass der Vitamin-D-Status während der vorausgehenden Jahrzehnte bedeutungslos war.

Genau diese Unterscheidung ist bei vielen Nährstoffstudien wichtig: Prävention und Therapie sind nicht dasselbe.

Besonders interessant: Vitamin D vor Beginn einer Demenz

Einen bemerkenswerten Hinweis liefert eine große prospektive Untersuchung mit 12.388 älteren Menschen, die zu Studienbeginn noch keine Demenz hatten. Die Wissenschaftler verglichen Personen, die Vitamin-D-Präparate verwendeten, mit Nichtanwendern und beobachteten sie über einen Zeitraum von bis zu zehn Jahren. [9]

Insgesamt war die Demenzinzidenz bei den Vitamin-D-Anwendern um etwa 40 % niedriger.

Noch interessanter wird das Ergebnis, wenn man den kognitiven Zustand zu Beginn betrachtet.

Bei Menschen, die zu Studienbeginn noch keine leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI) aufwiesen, war die Demenzinzidenz unter Vitamin-D-Anwendern um etwa 56 % niedriger.

Bei Personen, die bereits eine MCI hatten, betrug der Unterschied dagegen nur noch etwa 33 %. [9]

Das passt zumindest zu der Hypothese:

Je früher ein guter Vitamin-D-Status vorhanden ist, desto größer könnte ein möglicher präventiver Effekt sein.

Doch auch hier müssen wir vorsichtig bleiben. Die Teilnehmer wurden nicht zufällig einer Vitamin-D- oder Nicht-Vitamin-D-Gruppe zugeteilt. Menschen, die Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, können sich beispielsweise auch hinsichtlich Ernährung, Bewegung, Gesundheitsbewusstsein oder anderer Faktoren von Nichtanwendern unterscheiden.

Außerdem lagen keine ausreichend detaillierten Informationen über die verwendeten Dosierungen und die tatsächlich erreichten Vitamin-D-Spiegel vor.

Die Studie kann deshalb keinen ursächlichen Schutz durch Vitamin D beweisen.

Ein mögliches Zeitfenster: leichte kognitive Beeinträchtigung

Zwischen normaler geistiger Alterung und einer manifesten Demenz liegt häufig eine Phase, die als Mild Cognitive Impairment (MCI) bezeichnet wird.

Betroffene bemerken beispielsweise Gedächtnisprobleme oder Schwierigkeiten bei bestimmten geistigen Aufgaben, können ihren Alltag aber weitgehend selbstständig bewältigen. Nicht jeder Mensch mit MCI entwickelt später eine Demenz.

Gerade diese Phase ist für die Präventionsforschung interessant.

Wie bereits beschrieben, gibt es randomisierte Studien, in denen Menschen mit MCI unter Vitamin-D-Supplementierung Verbesserungen bestimmter kognitiver Testergebnisse zeigten. Das reicht nicht aus, um Vitamin D als Behandlung einer MCI zu bezeichnen. Es unterstützt aber die Frage, ob Interventionen vor einer manifesten Demenz möglicherweise erfolgversprechender sind als sehr spät im Krankheitsverlauf.[6]


Nicht erst auf die Diagnose warten

Aus der bisherigen Forschung lässt sich daher keine Garantie ableiten, dass Vitamin D eine Demenz verhindert.

Aber sie liefert einen guten Grund, die Frage der Prävention nicht erst im hohen Alter oder nach Auftreten deutlicher Gedächtnisprobleme zu stellen.

Ein Vitamin-D-Mangel ist messbar und grundsätzlich korrigierbar. Angesichts der wiederholt beobachteten Zusammenhänge zwischen niedrigen Vitamin-D-Spiegeln und kognitivem Abbau erscheint es deshalb sinnvoll, den Vitamin-D-Status gerade im mittleren und höheren Lebensalter im Blick zu behalten – unabhängig davon, ob sich daraus eines Tages ein eindeutig nachweisbarer Schutz vor Demenz ableiten lässt.

Denn bei einer Erkrankung, deren biologische Entwicklung viele Jahre vor den ersten Symptomen beginnen kann, könnte eine der wichtigsten Fragen tatsächlich lauten:

Was können wir für unser Gehirn tun, solange es noch gesund ist?

Vitamin-D-Mangel erkennen: Messen statt raten

Wer wissen möchte, wie es um die eigene Vitamin-D-Versorgung steht, kommt um eine Blutuntersuchung kaum herum. Gemessen wird dabei der 25(OH)D-Wert (25-Hydroxy-Vitamin D). Er ist der gebräuchliche Marker zur Beurteilung des Vitamin-D-Status.

Die Angabe erfolgt entweder in ng/ml oder nmol/l. Zur Umrechnung gilt:

1 ng/ml = 2,5 nmol/l

Gerade die Demenzforschung zeigt, warum die Messung wichtig ist. Denn es macht einen erheblichen Unterschied, ob jemand beispielsweise mit 10 ng/ml, 30 ng/ml oder 50 ng/ml in eine Untersuchung startet.

Viele Studien definieren einen Vitamin-D-Mangel bei Werten unter 20 ng/ml (50 nmol/l), teilweise wird ein ausgeprägter Mangel erst unter 12 ng/ml (30 nmol/l) betrachtet. Das weicht natürlich sehr stark von dem ab, was viele Vitamin D-Experten empfehlen, denn ein befriedigender Vitamin D Spiegel beginnt laut den Experten erst bei 40 ng/ml.
Wie wir gesehen haben, treten gerade in diesen niedrigen Bereichen besonders deutliche Zusammenhänge mit einem erhöhten Demenzrisiko auf.

Welche Vitamin-D-Spiegel darüber hinaus als optimal anzusehen sind, wird dagegen unterschiedlich beurteilt – und speziell für die Demenzprävention gibt es bislang keinen wissenschaftlich eindeutig festgelegten Zielwert.

Vitamin D ist für das Gehirn kein Nebendarsteller

Unabhängig von der Frage, ob sich durch eine Vitamin-D-Supplementierung eine Demenz verhindern lässt, steht fest: Vitamin D besitzt wichtige Funktionen im Nervensystem und im Gehirn.

Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in verschiedenen Hirnregionen, und Nervenzellen sowie Gliazellen verfügen über Strukturen, über die Vitamin D biologische Prozesse beeinflussen kann.[10, 13] Vitamin D ist unter anderem an der Regulation von Genen, Entzündungsprozessen, oxidativem Stress, Calcium-Signalwegen und neurotrophen Faktoren beteiligt. [11–13]
All diese Vorgänge sind für die Funktion, Anpassungsfähigkeit und den Erhalt von Nervenzellen von Bedeutung.

Die offene wissenschaftliche Frage lautet daher nicht, ob Vitamin D im Gehirn eine Funktion hat. Die wesentlich schwierigere Frage ist, ob und in welchem Umfang sich unterschiedliche Vitamin-D-Spiegel langfristig auf das Risiko einer Demenzerkrankung auswirken.

Warum die Studien diese Frage bisher nur begrenzt beantworten

Und genau hier stoßen viele klinische Studien an Grenzen.

Wenn eine Untersuchung überwiegend Menschen einschließt, die bereits ausreichend mit Vitamin D versorgt sind, kann sie nur begrenzt beantworten, welchen Nutzen die Beseitigung eines Mangels hätte. Wird nur eine geringe Dosis eingesetzt, der erreichte Blutspiegel nicht berücksichtigt oder die Intervention erst im hohen Alter beziehungsweise nach Beginn kognitiver Veränderungen durchgeführt, wird es zusätzlich schwierig, mögliche langfristige präventive Effekte zu erfassen.

Hinzu kommt ein grundsätzliches Problem: Eine Erkrankung wie Alzheimer entwickelt sich über viele Jahre bis Jahrzehnte. Eine zwei- oder dreijährige Supplementierungsstudie im höheren Lebensalter kann deshalb nur einen kleinen Ausschnitt dieses langen Prozesses untersuchen.

Das bedeutet keineswegs, dass negative oder neutrale Studienergebnisse bedeutungslos wären. Sie zeigen beispielsweise, dass eine zusätzliche Vitamin-D-Gabe bei bereits ausreichend versorgten Menschen nicht automatisch zu einer messbaren Verbesserung der Kognition oder zu weniger Demenzerkrankungen führt.

Sie beantworten aber nicht zwangsläufig die viel weitergehende Frage:

Welche Bedeutung hat ein über Jahrzehnte ausreichender Vitamin-D-Status für die langfristige Gesundheit unseres Gehirns?

Gerade angesichts der biologischen Funktionen von Vitamin D und der wiederholt beobachteten Zusammenhänge zwischen ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel und erhöhtem Demenzrisiko halte ich es deshalb für zu kurz gegriffen, Vitamin D erst dann Beachtung zu schenken, wenn Gedächtnisprobleme auftreten.

Ein guter Vitamin-D-Status ist keine Garantie gegen Demenz. Aber Vitamin D gehört zu den Faktoren, die für ein gesund funktionierendes Nervensystem von Bedeutung sind – und ein vermeidbarer Mangel sollte gerade im Hinblick auf gesundes Altern nicht einfach hingenommen werden.

Vitamin-D-Rezeptoren und Enzyme des Vitamin-D-Stoffwechsels wurden in verschiedenen Regionen des menschlichen Gehirns nachgewiesen, darunter auch der für Lernen und Gedächtnis besonders wichtige Hippocampus. [10, 13]

Mehr zu Vitamin D, Blutwerten und Dosierung

Wie der Vitamin-D-Status bestimmt wird, welche Blutwerte dabei eine Rolle spielen, wie sich tägliche Einnahme und Bolusgaben unterscheiden und welche Kofaktoren für den Vitamin-D-Stoffwechsel wichtig sind, habe ich ausführlich in meinem Grundlagenartikel beschrieben:

👉 Vitamin D – Grundlagen: Was du über das Sonnenhormon wissen solltest

Wer Vitamin D supplementiert, sollte dabei nicht ausschließlich auf die eingenommene Menge schauen. Entscheidend ist letztlich der tatsächlich erreichte 25(OH)D-Spiegel. Die gleiche Dosierung kann bei verschiedenen Menschen zu sehr unterschiedlichen Blutwerten führen.


Fazit: Vitamin D und Demenz – was können wir aus der Forschung mitnehmen?

Die Forschung der vergangenen Jahre zeichnet ein zunehmend interessantes Bild.

Vitamin D ist für unser Gehirn keineswegs bedeutungslos. Vitamin-D-Rezeptoren finden sich in verschiedenen Bereichen des Gehirns, und Vitamin D ist an zahlreichen Vorgängen beteiligt, die für Nervenzellen wichtig sind – von der Regulation von Entzündungsprozessen und oxidativem Stress bis hin zu neurotrophen Faktoren und verschiedenen Signalwegen.

Gleichzeitig zeigen große Beobachtungsstudien und Meta-Analysen immer wieder denselben Zusammenhang: Menschen mit niedrigen Vitamin-D-Spiegeln haben häufiger kognitive Beeinträchtigungen und ein höheres Risiko für Demenz und Alzheimer.

Besonders deutlich sind diese Zusammenhänge bei ausgeprägtem Vitamin-D-Mangel.

Damit ist allerdings noch nicht bewiesen, dass die Einnahme von Vitamin D eine Demenz verhindern kann. Randomisierte Interventionsstudien liefern bislang kein einheitliches Bild. Einige zeigen Verbesserungen bestimmter kognitiver Leistungen, andere finden keinen signifikanten Schutz vor einer späteren Demenzerkrankung.

Doch gerade bei Vitamin D lohnt sich ein genauer Blick auf diese Studien.

Waren die Teilnehmer überhaupt mangelversorgt? Welche Dosierung wurde eingesetzt? Welcher Blutspiegel wurde erreicht? Wie lange dauerte die Intervention? Und begann sie früh genug, um einen Krankheitsprozess zu beeinflussen, der möglicherweise Jahrzehnte vor den ersten Symptomen seinen Anfang nimmt?

Diese Fragen sind keineswegs nebensächlich. Sie entscheiden mit darüber, welche Schlussfolgerungen eine Studie überhaupt zulässt.

Kein Wundermittel – aber ein wichtiger Faktor

Die derzeitige Forschung rechtfertigt nicht die Aussage:

„Vitamin D verhindert Demenz.“

Sie rechtfertigt aber ebenso wenig die Schlussfolgerung:

„Vitamin D spielt für die Gehirngesundheit keine Rolle.“

Zwischen diesen beiden Extremen liegt das, was wir derzeit tatsächlich wissen.

Vitamin D besitzt wichtige biologische Funktionen im Nervensystem. Niedrige Vitamin-D-Spiegel sind wiederholt mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden. Die Beseitigung eines Mangels ist vergleichsweise einfach möglich – und ein Vitamin-D-Mangel lässt sich durch eine Blutuntersuchung feststellen.

Ob darüber hinaus höhere Vitamin-D-Spiegel zusätzlichen Schutz vor Demenz bieten und wo ein optimaler Bereich für die langfristige Gehirngesundheit liegen könnte, ist dagegen bislang nicht ausreichend untersucht.

Vielleicht sollten wir deshalb die Frage etwas anders stellen.

Nicht:

„Kann ich mit Vitamin D verhindern, dass ich jemals an Demenz erkranke?“

Sondern:

„Warum sollte ich einen vermeidbaren Vitamin-D-Mangel akzeptieren, wenn Vitamin D für zahlreiche Funktionen meines Gehirns und meines gesamten Körpers benötigt wird?“

Denn Prävention bedeutet nicht, eine Garantie gegen eine Erkrankung zu bekommen. Sie bedeutet, beeinflussbare Faktoren möglichst günstig zu gestalten – möglichst lange bevor eine Erkrankung entsteht.

Und gerade bei einer Erkrankung, deren Entwicklung viele Jahre vor den ersten Symptomen beginnen kann, erscheint dieser Gedanke besonders wichtig.


Quellen

[1] Zhang et al. – Association of Vitamin D Levels with Risk of Cognitive Impairment and Dementia: A Systematic Review and Meta-Analysis of Prospective Studies
Systematische Übersichtsarbeit mit 23 prospektiven Studien. Vitamin-D-Mangel war mit einem 42 % höheren Demenzrisiko und einem 57 % höheren Alzheimer-Risiko verbunden. Enthält außerdem die von uns besprochene Dosis-Wirkungs-Analyse.
PubMed – Studie ansehen

[2] Chen et al. – The associations of serum vitamin D status and vitamin D supplements use with all-cause dementia, Alzheimer’s disease, and vascular dementia
Große prospektive UK-Biobank-Studie mit 269.229 Teilnehmern. Vitamin-D-Mangel und -Insuffizienz waren mit erhöhtem Demenzrisiko verbunden; regelmäßige Vitamin-D-Anwender hatten ein 17 % niedrigeres Alzheimer-Risiko.
PubMed – Studie ansehen

[3] Huang et al. – Association of vitamin D with risk of dementia: a dose-response meta-analysis of observational studies
Meta-Analyse von 22 Studien mit 53.122 Teilnehmern. Die niedrigste Vitamin-D-Kategorie war gegenüber der höchsten mit einem 49 % höheren Demenzrisiko verbunden.
Frontiers in Neurology – Volltext

[4] Chen et al. – Effects of Vitamin D Supplementation on Cognitive Outcomes: A Systematic Review and Meta-Analysis
Meta-Analyse von 24 randomisierten Studien mit 7.557 Teilnehmern. Insgesamt kleiner, aber signifikanter positiver Effekt auf die globale Kognition. Besonders interessant: Der Effekt war bei Teilnehmern mit Vitamin-D-Mangel zu Studienbeginn deutlich stärker.
PubMed – Studie ansehen

[5] Behrouzi et al. – Effects of Vitamin D Supplementation on Cognitive Function in Older Adults
Die aktuelle Meta-Analyse von 2026 umfasst neun RCTs bei Menschen ab 60 Jahren. Signifikante Verbesserungen wurden unter anderem bei globaler Kognition, Sprache, Arbeitsgedächtnis und visuell-räumlicher Leistung gefunden; bei anderen kognitiven Bereichen dagegen nicht.
PubMed – Studie ansehen

[6] Yang et al. – Vitamin D Supplementation Improves Cognitive Function Through Reducing Oxidative Stress Regulated by Telomere Length in Older Adults with Mild Cognitive Impairment
Randomisierte, doppelblinde Studie mit 183 älteren Menschen mit MCI. 800 IE Vitamin D täglich über zwölf Monate führten gegenüber Placebo zu Verbesserungen mehrerer kognitiver Testergebnisse.
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[7] Jia et al. – Effects of vitamin D supplementation on cognitive function and blood Aβ-related biomarkers in older adults with Alzheimer’s disease
Randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie mit 210 Alzheimer-Patienten. 800 IE Vitamin D täglich über zwölf Monate waren mit Verbesserungen bestimmter kognitiver Tests und Veränderungen von Amyloid-β-bezogenen Biomarkern verbunden.
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[8] Lönnroos et al. – The Effect of Vitamin D3 Supplementation on the Incidence of Diagnosed Dementia Among Healthy Older Adults – The Finnish Vitamin D Trial
Besonders wichtig als Gegenpol: 2.492 Teilnehmer, Placebo versus 1.600 beziehungsweise 3.200 IE Vitamin D täglich über bis zu fünf Jahre. Kein statistisch signifikanter Schutz vor Demenz. Allerdings war die untersuchte Population bereits überwiegend gut mit Vitamin D versorgt. Ausgangswert in der untersuchten Untergruppe durchschnittlich 74,8 nmol/l (~30 ng/ml); nach einem Jahr rund 40 bzw. 48 ng/ml in den Vitamin-D-Gruppen.
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[9] Ghahremani et al. – Vitamin D supplementation and incident dementia: Effects of sex, APOE, and baseline cognitive status
Prospektive Untersuchung von 12.388 zunächst demenzfreien älteren Menschen. Vitamin-D-Exposition war mit einer 40 % niedrigeren Demenzinzidenz verbunden. Der Zusammenhang war bei Menschen mit zu Beginn normaler Kognition stärker als bei bereits bestehender MCI. Wichtig: Beobachtungsstudie, kein RCT.
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[10] Eyles et al./Übersichtsarbeit – Vitamin D and neurocognitive function
Wichtige Grundlagenquelle zur Rolle von Vitamin D im Gehirn. Beschreibt unter anderem den Nachweis von Vitamin-D-Rezeptoren und CYP27B1 im menschlichen Gehirn, einschließlich Hippocampus und weiterer für die Kognition relevanter Regionen.
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[11] Eyles et al. – Vitamin D: Brain and Behavior
Umfangreiche Übersichtsarbeit zu den biologischen Funktionen von Vitamin D im Gehirn, unter anderem zu NGF, GDNF und anderen neurotrophen Faktoren, neuronaler Entwicklung und Funktion.
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[12] Vitamin D Receptor as a Potential Target for Age-Related Neurodegenerative Diseases
Übersichtsarbeit zur Verteilung des Vitamin-D-Rezeptors im Gehirn und zu möglichen Zusammenhängen mit Alzheimer und Parkinson. Besonders nützlich für unseren Abschnitt über Hippocampus, Neuronen, Gliazellen sowie Amyloid und Tau.
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[13] Vitamin D in Central Nervous System: Implications for Neurological Disorders
Neuere Übersichtsarbeit zu Vitamin-D-Stoffwechsel und -Signalwegen im zentralen Nervensystem. Beschreibt unter anderem, dass Vitamin-D-Metaboliten die Blut-Hirn-Schranke überwinden können und Enzyme zur lokalen Vitamin-D-Aktivierung in Neuronen und Gliazellen vorhanden sind.
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